Viele meiner Klientinnen im Mama-Coaching kommen mit der Fragestellung zu mir, warum sie sich immer so ausgebrannt fühlen. In Zeiten der Krise wurde mir diese Frage noch viel häufiger gestellt als ohne Virus, Lockdown und Homeschooling. Sicher gibt es viele verschiedene Gründe, warum sich dieses Gefühl gerade bei Müttern so häufig einstellt. Ein Grund, der aber innerhalb des Coachings häufig an die Oberfläche gelangt, ist das Pendeln zwischen den Welten. Berufstätige Mütter sind nach meinem Eindruck vergleichsweise stark von diesem Phänomen betroffen.

Auch wenn alles geregelt scheint, der Arbeitsumfang reduziert wurde, Arbeitszeiten so gelegt wurden, das sie mit der Kinderbetreuung und dem Familienkalender zusammenpassen, stellt sich bei vielen Frauen eine Form der Dauererschöpfung ein. Sie wechseln mehrmals täglich zwischen der Umlaufbahn “Familie & Kinder” und dem Planeten “Arbeit & Karriere”. Sie sind bezeichnenderweise zu 120 Prozent in beiden Universen unterwegs und das mit Herz und Verstand und einem hohen Anspruch an sich selbst. Zeitweise scheinen sie sogar gleichzeitig in beiden Welten zu stehen – jeweils mit einem Fuß. Während sie mit Knopf im Ohr und ausgeschaltetem Mikrofon der Telefonkonferenz lauschen, bereiten sie die Tomatensoße fürs Mittagessen zu und beim abendlichen Wickeln denken sie darüber nach, welche drei Punkte auf der Homeoffice-Büro-Todoliste am Folgetag am wichtigsten sind.

Erstaunlicherweise beschreiben die meisten meiner Klientinnen, dass es ihnen über lange Strecken gelingt, sich parallel in beiden Welten vorwärts zu bewegen. Es ist dazu jedoch ein hoher mentaler und körperlicher Energieaufwand nötig. Wenn dann noch ein zahnendes Kind durchwachte Nächte beschert oder sich die Beschulung aufgrund eines globalen Virus über Wochen an den heimischen Küchentisch verlagert, ist es nicht verwunderlich, wenn die letzten Kraftreserven irgendwann aufgebraucht sind und sich Frauen am Rande des Burnouts fühlen.

In den Medien ist häufig vom “Mental-Load” die Rede, an dem die Frauen von heute so schwer tragen. Die Thesen und Forderungen rund um diese mentale Belastung der Frauen und Mütter teile ich in vielen Aspekten. Was mir in den meisten Artikeln jedoch fehlt, sind konkrete Ansätze für Betroffene, etwas an der Situation zu ändern. Die alleinige Beschwerde darüber, dass die Männer endlich mehr übernehmen sollen und endlich anerkennen sollen, was wir alles leisten und der Ruf, die Politik möge sich bitte kümmern hilft meinen Klientinnen in ihrer individuellen Lage meist nicht weiter, auch wenn es ein gutes Gefühl ist, zu wissen, dass es auch anderen so geht wie einem selbst. Dennoch: Nur wer handlungsfähig ist, kann etwas verändern!

Was sind also wirksame Stellschrauben, die Frauen ausprobieren können, die sich in einer ähnlichen Lage wiederfinden? Hilfe zur Selbsthilfe ist in meinen Augen ein zentrales Kriterium im Coaching. Daher mache ich mich mit den Frauen und Müttern im Coaching auf die Suche nach alltagstauglichen, selbst anwendbaren und individuell anpassungsfähigen Tools. Diese sind natürlich sehr individuell, jedoch gibt es eine Reihe wiederkehrender Werkzeuge, die mir immer wieder begegnen. Zehn dieser Tools aus meinen Mama-Coachings und Seminaren für eine gelungene Balance zwischen Familie und Beruf möchte ich hier in Kurzform vorstellen:

1. Put yourself first – Sorgen Sie an erster Stelle für sich selbst. Klingt egoistisch? Ist es aber nicht. Wenn es Ihnen gelingt, mit einer Portion gesundem Egoismus stabil in Ihrer Balance zu bleiben, haben Sie den größten Teil für Ihr Umfeld bereits mit erledigt. Es geht nicht darum, Mitmenschen oder Arbeit zu vernachlässigen. Vielmehr kann es lohnenswert sein, die eigene Haltung zum eigenen Leben zu überprüfen und sich bewusst Raum für sich selbst zu schaffen. Eine wirkungsvolle Übung ist hierfür zum Beispiel, sich konsequent jeden Tag bewusst 15 Minuten selbst zu schenken. Das kann ein Nickerchen in der Sonne sein, ein Kaffee beim Lieblingsbäcker oder zehn Seiten lesen in einem guten Buch. Es kommt nicht auf die Sache an sich an, sondern darauf, sich bewusst die Zeit für sich selbst zu nehmen. Probieren Sie es aus!

2. Stellen Sie Ihre Maßstäbe und Bewertungen auf den Prüfstand – nach wessen Maßstäben leben Sie im Moment? Wen machen Sie damit glücklich und zufrieden? Wen stellen Sie ruhig, wenn Sie abends völlig fertig ins Bett kippen und die Augen nicht für eine Buchseite mehr offen bleiben wollen? Sind es Ihre Maßstäbe oder haben es sich vielleicht ganz heimlich die Erwartungen Dritter aus Ihrem Umfeld auf Ihren Schultern bequem gemacht soufflieren Ihnen penetrant, was Sie wie zu erledigen haben, damit aus den Kindern was wird und die Wohnung im Schöner-Wohnen-Contest Ihrer Straße auf den vorderen Plätzen landet? Oder macht es Sie vielleicht doch glücklicher, wenn Ihr Wohnzimmer zwischendurch mal einem Wimmelbuch gleicht und sie noch Zeit finden, sich mit Ihrer Familie über die Erlebnisse des Tages auszutauschen?

3. Hinterfragen Sie Ihre Glaubenssätze und sortieren Sie aus – Glaubenssätze wie z.B. “Wenn ich meine Bedürfnisse nicht immer denen der Familie unterordnen kann, bin ich keine gute Mutter.” sind manchmal ganz schön sperrig. Wir tragen sie oft seit unserer Kindheit mit uns herum und merken erst beim zweiten bewussten Blick darauf, dass sie gar nicht zu uns passen. Vielleicht haben wir uns unbewusst den Glaubenssatz von Oma oder Tante Hilde zu eigen gemacht und schleppen diesen mit uns herum. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass dieser gar nicht hilfreich ist, sondern unsere persönliche Entfaltung behindert. Die gute Nachricht ist – es gibt immer eine Alternative. Seien Sie mutig und ersetzen Sie den alten Satz durch einen persönlichen Kraftsatz, mit dem Sie sich wohlfühlen. Sagen Sie diesen Kraftsatz mehrmals täglich laut auf – am besten vor dem Spiegel, wenn Sie sich selbst ins Gesicht sehen können.

4. Justieren Sie Ihre Alltagsroutinen und seien Sie neugierig auf Veränderungen Ihnen sind gemeinsame Mahlzeiten, der Familienspaziergang am Sonntag und das perfekte Drei-Gänge-Menü an Heiligabend wichtig, enden jedoch häufig mit Geschrei und schlechter Laune bei der ganzen Familie? Vielleicht passen diese Rituale gar nicht zu Ihnen. In Coachings und Seminaren für Eltern hochbegabter Kinder üben wir häufig den Satz “bei uns ist das eben anders”. Für viele Teilnehmer fühlt sich das anfangs komisch an, diesen Satz zu sagen. Immer häufiger bekomme ich im Nachhinein die Rückmeldung, das dieser Satz in Bezug auf das familiäre Wohlbefinden zum Befreiungsschlag geführt hat. Probieren Sie es mal aus. Und wer weiß, vielleicht wird das nächste Weihnachtsfest mit Spaghetti Bolognese unterm Tannenbaum zur neuen Familientradition (Anmerkung: Humor darf auch nicht fehlen).

5. Wertschätzung und Eigenlob üben – Loben Sie sich selbst und klopfen Sie sich auch bei scheinbaren Kleinigkeiten symbolisch und bewusst auf die Schulter. So machen Sie sich in vielen Situationen unabhängig von der Rückmeldung Dritter, die häufig ohnehin auf sich warten lässt. Ein schönes Tool, mit dem man Wertschätzung in der Familie üben kann, geht so: Ab sofort ist Teil des Abendessens oder -rituals, dass jeder drei Dinge nennt, für die er dankbar ist und drei Dinge auf die er sich freut. Sie werden staunen, was Sie als Mutter für Rückmeldungen bekommen (obwohl Sie gar nicht direkt danach gefragt haben) und wie dies Ihre Akkus auflädt!

6. Auszeiten nachhaltig nutzen Kennen Sie das? Da ist es mal gelungen, dass am Sonntag alle weg sind und Sie sitzen zu Hause und wissen gar nichts mit Ihrer freien Zeit anzufangen? Mal abgesehen davon, dass es natürlich völlig legitim wäre, einfach gar nichts zu tun, rum zu liegen und die Ruhe zu genießen gibt es ein paar Impulse, die vielen meiner Klientinnen bereits weiter geholfen haben. Zunächst ist es hilfreich, wenn Sie sich nicht selbst sabotieren, indem Sie unnötig hohe Erwartungen an Ihren freien Slot knüpfen. Versuchen Sie, neugierig zu bleiben, was kommt und versuchen Sie zu akzeptieren, wenn “nichts” kommt. Ein kleiner Trick ist, im Alltag eine Art “Bucket-List” zu führen, auf der Sie Dinge notieren, zu denen Sie “schon wieder nicht gekommen sind” und die Sie endlich mal wieder in Ruhe machen wollen. Von Klavier üben bis Gurkenmaske darf alles auf der Liste stehen. Ist es dann soweit, haben Sie einen Strauß an Anknüpfungspunkten, aus denen Sie dann wählen können, wenn Ihnen spontan nichts einfällt – fast wie im Hotel.

7. Entscheiden Sie bewusst, welche (geistige) Nahrung Sie konsumieren Manchmal hilft es, ein Bild vor dem inneren Auge zu haben, um etwas zu verändern. Eine Klientin hatte nach einigen Coaching-Einheiten das Bild “Ich mache den Rolladen runter” für sich gefunden. Ihr half dieses Bild dabei, sich aktiv von äußeren Einflüssen, die ihr nicht gut taten abzugrenzen. Das konnten die Einträge der Lehrerin im Hausaufgabenheft der Kinder sein oder der x-te Post einer Nachbarin in einem sozialen Netzwerk oder das Klatsch und Tratsch Portal, auf dem die neusten Diätempfehlungen der Promis zu lesen sind. Mit der Entscheidung, symbolisch den Rolladen runter zu lassen, konnte sich meine Klientin bewusst distanzieren und Ihren Blick bewusst auf die für sie wesentlichen Inhalte oder Anliegen richten. Welches Bild könnte Ihnen helfen?

8. Entrümpeln Sie Ihr Umfeld – Entrümpeln im Keller und in Schubladen ist prinzipiell immer eine gute Idee, denn es schaft Platz für Veränderung und Luft zum Atmen. Neben diesem klassischen Weg gibt es noch viele andere Möglichkeiten, z.B. die temporäre Entrümpelung für ein Wochenende: Sind Sie zum Beispiel schon einmal nur mit sich selbst auf ein Mädelswochenende ins Hotel gefahren? Probieren Sie es aus. Sie werden überrascht sein, welche unerwarteten Qualitäten dieses Setting mit sich bringt.

9. Entkatastrophisieren Sie Ihren Alltag – Wie viele Kleinigkeiten sind Ihnen heute begegnet, die Ihnen den letzten Nerv rauben wollten? Und viel wichtiger – wie viele Nerven sind noch übrig? Probieren Sie morgen einmal aus, was passiert, wenn Sie bewusst entscheiden, worüber Sie sich aufregen. Ist es wirklich ein Drama, wenn kein Biobrot in der Brotbox für den Kindergarten gelandet ist? Was ist das schlimmste, was passieren könnte, wenn Sie morgen nicht bei allen Punkten auf Ihrer Todoliste einen Haken machen können? Könnten Sie mit diesem schlimmsten Szenario übermorgen weiter machen? Nehmen Sie sich ruhig mal selbst auf die Schippe, und deklinieren Sie die Entkatastrophisierung an verschiedenen Stellen, bis Ihnen nichts mehr einfällt. Ist übrigens auch ein wunderbares Mittel, um gestressten Kollegen oder Kindern vor Mathearbeiten einen Impuls anzubieten.

10. Perspektivenwechsel – Zum Abschluss ein Perspektivenwechsel: Stellen Sie sich vor, ein Marsmännchen schaut durch den Glasboden seines Raumschiffes und sieht Ihnen dabei zu, wie sie Tag für Tag zwischen den Welten hin und her pendeln. Das Marsmännchen kann Sie nur sehen, nicht hören. Was würde es wohl denken? Würde es als erstes sehen, dass Sie drei Sachen pro Tag mindestens vergessen? Was würden Sie sagen, wenn es als erstes sagen würde: “Wahnsinn, diese Frau mit den drei tollen Kindern muss Superkräfte haben. Wie sie dieses ständige Hin- und Herspringen meistert. Ich bin beeindruckt.”
Na, wie fühlt sich das an?

Eine detaillierte Ausarbeitung der Ansätze würde den Rahmen meines Blogbeitrages an dieser Stelle sprengen. Darüber hinaus geht es natürlich immer darum, dass jede Klientin, das für sich passende Tool für ihre eigene Situation findet. Die Begleitung auf diesem Weg sehe ich als meine Aufgabe als Coach. Vielleicht fühlen sich trotzdem einige Working-Mums oder auch das ein oder andere Unternehmen angesprochen, mehr zu erfahren. Für Fragen zum Blogartikel stehe ich natürlich gerne zur Verfügung und freue mich auf Erfahrungswerte und Feedback. Selbstverständlich biete ich zu diesem Thema auch 1:1 Coachings, Vorträge für Unternehmen oder Workshops für Bildungsträger an. Individuelle Schwerpunkte sowie Online- und Offline-Varianten sind nach Absprache flexibel möglich.

Alle Informationen zu meinem Angebot sind hier zu finden: Wurzelgrün Seminare und Workshops und Wurzelgrün 1:1 Coaching.